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Will-Schaber-Preis 2016: Informantenschutz im digitalen Zeitalter

30. Oktober 2016

Sie bekamen einen besonders feierlichen Rahmen, die diesjährigen Will-Schaber-Preisträger, bildete die Prämierung des EX doch den offiziellen Abschluss des Jubiläumstags, mit dem der Studiengang Ende Oktober im Dortmunder U seinen 40. Jahrestag beging. Aber nicht nur der Tag war etwas besonderes,...

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Technische Universität Dortmund
44221 Dortmund

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Der Wert der Wissenschaft

Masterarbeit  zur Themenauswahl im Wissenschaftsjournalismus

Von Franziska Badenschier

„Der Industrielle Robert Müller (…)
aus unserer Stadt (…)
übergibt auf dem Sterbebett (…)
seiner Geliebten (…)
die Konstruktionspläne (…)
einer Wunderwaffe (…),
die er trotz wiederholter verlockender Angebote und Erpressungsversuche (…)
und trotz eines Einbruchs in seinen Safe (…)
bis heute sorgsam verwahrt hat (…);
jetzt aber taugen sie, weil überholt, nur noch zum Bau von Kinderspielzeug (…).“

Diese, zugegeben fiktive, Nachricht muss einfach publiziert werden, meint Walther von La Roche (1999: 73) – immerhin enthält sie alles, was ein Redakteur für eine gute Story braucht: Prominenz, Nähe, Gefühl, Sex, Fortschritt, Folgenschwere/Wichtigkeit, Konflikt/Kampf, Dramatik, Gefühl und Kuriosität/ungewöhnlicher Ablauf. Diese Eigenschaften, die hier in der Reihenfolge aufgezählt werden, wie sie der o.g. Nachricht zeilenweise zugeordnet werden können, werden Nachrichtenfaktoren genannt. Doch würde diese Nachricht auch von einem Wissenschaftsjournalisten ausgewählt werden? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wissenschaftsjournalismus-Wissenschaftler vermuten nämlich seit mehr als 20 Jahren: Wissenschaftsjournalisten nutzen andere, spezielle, Auswahlkriterien bei der Nachrichtenselektion. Doch bis jetzt hat sich niemand von ihnen mit dem dazugehörigen wissenschaftlichen Fundament, der Nachrichtenwert-Theorie, befasst: „Eine verlässliche empirische Rekonstruktion der Nachrichtenfaktoren der Wissenschaftsberichterstattung steht noch aus“, stellte der Soziologe und Publizistikforscher Mike Steffen Schäfer (2007: 198) fest. Meine Masterarbeit leistet einen grundlegenden Beitrag dazu, diese Forschungslücke zu schließen.

Die Nachrichtenwert-Theorie beschreibt, was ein Ereignis so berichtenswert macht, dass die Informationen zu diesem Ereignis ausgewählt und publiziert werden. Journalisten weisen dafür dem Ereignis Merkmale zu, so genannte Nachrichtenfaktoren wie Überraschung, Räumliche Nähe und Betroffenheit des Rezipienten. Zudem bewerten Journalisten die Bedeutung dieser Faktoren. Je mehr Nachrichtenfaktoren ein Ereignis auf sich vereint und je stärker diese Faktoren ausgeprägt sind, desto größer ist der Gesamtnachrichtenwert – und desto berichtenswerter ist das Thema und desto mehr Platz nimmt es in der Berichterstattung ein. Diese Theorie wurde von den norwegischen Friedensforschern geprägt sowie maßgeblich von deutschen Kommunikationswissenschaftlern weiterentwickelt. Doch nach wie vor zielt der Nachrichtenfaktoren-Katalog auf Krisen- und Politikberichterstattung ab und wird hauptsächlich für nicht-ressortspezifische Nachrichtenformate angewendet. Insofern ist die Nachrichtenwert-Theorie in ihrer bisherigen Form für die Analyse der Nachrichtenselektion im Wissenschaftsjournalismus ungeeignet.

In meiner Masterarbeit habe ich deswegen die Nachrichtenwert-Theorie auf den Wissenschaftsjournalis-mus übertragen – eine Premiere in der Kommunikationsforschung: Alle gängigen Nachrichtenfaktoren wurden auf den Prüfstand gestellt; daraufhin wurde manche Definition angepasst (Politische Nähe ist nun Wissenschaftspolitische Nähe) oder erweitert (Einfluss und Prominenz erfassen nun nicht mehr nur Akteure aus der Politik, der Wirtschaft, der Kultur und aus dem Sport, sondern auch aus der Wissenschaft). Zudem wurden neue Auswahlkriterien postuliert, die speziell im Wissenschaftsjournalismus wichtig sind: Anlass, Einfluss des Akteurs auf die Publikation, Funktion, Komposition, Staunen, Wissenschaftliche Nähe, Wissenschaftspolitische Nähe sowie Relevanz. Nach dem Pretest mit der Frankfurter Rundschau wurden die vier Kriterien des Nachrichtenfaktors Relevanz zu jeweils eigenständigen Nachrichtenfaktoren aufgewertet, d.h. zu den Faktoren Gesellschaftliche Relevanz, Politische Relevanz, Wirtschaftliche Relevanz und Wissenschaftliche Relevanz.

Dieser diskursiv und speziell für den Wissenschaftsjournalismus hergeleitete Katalog mit insgesamt 29 Nachrichtenfaktoren wurde anschließend auf seine Anwendbarkeit und Gültigkeit überprüft. Eine Inhaltsanalyse der Wissenschaftsberichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und der Welt sowie Leitfaden-Interviews mit den Wissenschaftsressortleitern dieser drei deutschen überregionalen Qualitätstageszeitungen ergaben: Die Nachrichtenfaktoren Demonstration und Aggression sind überflüssig; und die bisher gängigen Nachrichtenfaktoren Bildliche Darstellung von Emotionen, Einfluss (Macht), Kulturelle Nähe, Sexualität/Erotik sowie Wirtschaftliche Nähe beeinflussen die Themenauswahl kaum. Von den elf neu hergeleiteten Nachrichtenfaktoren erwiesen sich vor allem Anlass, Komposition, Leser-/Gesellschaftsrelevanz und Staunen als bedeutsam für die wissenschaftsjournalistische Nachrichtenauswahl; Einfluss des Akteurs auf die Publikation, Wissenschaftliche Nähe und Wissenschaftspolitische Nähe waren hingegen kaum von Bedeutung.

Daraufhin wurde der wissenschaftsjournalistische Nachrichtenfaktoren-Katalog auf seine wesentlichen Bestandteile begrenzt. Nach einer diskursiv durchgeführten Reduktion blieben 21 der 29 untersuchten Nachrichtenfaktoren übrig. Nach einer empirisch (statistisch) durchgeführten Reduktion mittels Hauptkomponenten-Analyse bildeten neun besonders vielfältig in der Wissenschaftsberichterstattung vorkommende Nachrichtenfaktoren einen Kern-Katalog; eine erweiterte Version umfasste 16 weitere Kriterien. Diese drei Nachrichtenfaktoren-Kataloge sind das wichtigste Resultat der Masterarbeit, da sie das Fundament für eine wissenschaftsjournalistische Nachrichtenwert-Theorie legen. Zugleich liefern sie Ansatzpunkte für die theoretische Weiterentwicklung und bieten einen praktikablen Ansatz für die Analyse der Praxis.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Masterarbeit ist die Erkenntnis, dass sich das aufgestellte Modell für international komparative Studien eignet. Es kann also in verschiedenen Ländern für die Analyse der Themenauswahl von Wissenschaftsredaktionen angewendet werden. Dies ergab eine parallel durchgeführte Untersuchung mit der französischen Tageszeitung Libération. Frankreich wurde aus zwei Gründen in diese Arbeit einbezogen: Zum einen unterscheidet sich das Mediensystem und der Wissenschaftsjournalismus in Frankreich deutlich von Deutschland, zum anderen ist in Frankreich weder die Forschung zur Nachrichtenwert-Theorie noch zum Wissenschaftsjournalismus etabliert. Ein Vergleich der Tageszeitung Libération mit den drei deutschen Medien der Studie zeigte beispielsweise beim Nachrichtenfaktor Beteiligung des Publikationslandes einen interessanten Länderunterschied: Während für die deutschen Wissenschaftsjournalisten eine Beteiligung Deutschlands am Wissenschaftsthema eher “nice to have“ war, war die Beteiligung Frankreichs am Thema für den befragten französischen Wissenschaftsjournalisten ein “must have”. Außerdem wurde in dem internationalen Vergleich deutlich, dass die Daten, die mit dem Nachrichtenfaktoren-Katalog erhoben werden, nur im Kontext mit dem Medium und mit den speziellen nationalen Rahmenbedingungen analysiert und interpretiert werden sollten, da zum Beispiel Unterschiede in der Ressortautonomie gravierende Auswirkungen auf die Themenselektion haben können.

Was also macht – zusammengefasst – nun ein Thema für Wissenschaftsjournalisten „nachrichtenwert“? Sehr wahrscheinlich die folgende Nachricht, die an La Roche angelehnt ist, aber die Ergebnisse der Masterarbeit berücksichtigt:
 „Der Astrophysiker Stephen Hawking (Prominenz)
sorgte posthum für einen Clou:
Bei der Testamentseröffnung in London (Räumliche Nähe)
wurde ein 20-seitiges Dokument mit dem Titel Die « Die wahre Weltformel » publik (Überraschung),
woraufhin die besten Physiker der Welt (Einfluss/Macht)
zu einer spontan einberufenen Tagung (Reichweite)
nach New York City reisten (Status der Ereignisnation),
wo man zunächst freundlich über Hawkings Beweiskette diskutierte (Konflikt),
es dann jedoch zu einem Handgemenge kam (Aggression),
bis schließlich ein deutscher Physiker und Freund des Verstorbenen (Beteiligung Deutschlands)
das letzte kleine Stück zur Vollendung des Beweises, sozusagen den Schlussstein (Wissenschaftliche Rele-vanz),
in einer älteren E-Mail von Hawking fand, die im Spam-Ordner gelandet war (Staunen).“

Masterarbeit zu Pressemitteilungen zu Wissenschaftsthemen

Exkursion zum Forum Wissenschaftskommunikation in Berlin

Von Tim Gabel

In meiner Masterarbeit geht es um die Qualität von Pressemitteilungen des Informationsdienst Wissenschaft (idw). Der idw ist „platt“ gesagt eine Plattform für viele Hochschulen, Forschungseinrichtungen (wie zum Beispiel die Max-Planck-Gesellschaft) und wissenschaftliche Unternehmen. Als eine Art Verteiler stellt er die Pressemitteilungen seiner Mitglieder für Journalisten aller Medien über ganz Deutschland gebündelt zur Verfügung. So erfahren auch Hamburger Journalisten, wenn in München kürzlich eine Studie belegt hat: „Kinder von rauchenden Eltern schlucken häufiger Retalin“ oder aber, vom „II. Pädiatrie-Forum“ in der Stadt an der Isar tagte. Warum ich das 2. Pädiatrie-Forum hier erwähne: Da sind wir schon mitten in der Arbeit. Die beiden Überschriften sind Schlagzeilen ein und derselben Meldung, denn die erwähnte Studie ist auf dem Forum vorgestellt worden. Die eine ist klar, spannend und weckt den journalistischen Themenriecher. Die andere ist kompliziert und langweilig.

Ich möchte in meiner Arbeit überprüfen, ob die Pressemitteilungen aus wissenschaftlichen Einrichtungen im idw in den vergangenen 10 Jahren immer besser geworden und daher  auch von Journalisten heute häufiger 1:1 veröffentlicht werden als früher.  Es deutet einiges darauf hin: Zeitungsredaktionen haben in der Medienkrise der vergangenen Jahre Personal eingespart. Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben dagegen während des Wissenschaftsbooms in den vergangenen Jahren immer mehr Geld für ihre Kommunikationsabteilungen ausgegeben und sich professionalisiert.

Einmal im Jahr findet in Berlin das Forum Wissenschaftskommunikation statt. Vermittler von Wissenschaft und Forschung treffen sich hier und geben einen Überblick über aktuelle Trends und Strategien der Wissenschaftskommunikation.  Veranstalter ist die Initiative Wissenschaft im Dialog. Ziel der Veranstaltung ist es, Wissenschaftler und die Gesellschaft ins Gespräch zu bringen. Die drei Tage in Berlin waren deshalb eine unverzichtbare Gelegenheit mit den Protagonisten meiner Masterarbeit ins Gespräch zu kommen und sollten mir Antworten oder zumindest Anregungen zu zur Beantwortung meiner Forschungsfragen einbringen und in die Masterarbeit einfließen, die im April 2010 fertig sein soll. Insbesondere konnte ich dort von der Präsentation einer aktuellen Studie zu den Auswirkungen der Wirtschafts- und Medienkrise auf die Wissenschaftskommunikation profitieren. Mein Perspektivwechsel in Berlin hat ein neues Licht auf meine Arbeit geworfen. Ich weiß jetzt, für wen (außer mir selbst) ich diese Arbeit schreibe und habe die nötigen Informationen, um mit dem Schreiben meines theoretischen Hintergrundes zu beginnen. Ich danke dem EX e.V. für die die Übernahme der Fahrtkosten zur Konferenz.

Erzähl mir die Geschichte

Merkmale und Funktion der Reportage in Printmedien

Von Will-Schaber-Preisträgerin Katharina Beckmann

Im Jahr 1979 erscheint in Deutschland ein Taschenbuch mit dem Titel: „Der rasende Reporter“. Die daumendicke Kladde erzählt von den Abenteuern eines Lokaljournalisten, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die finsteren Machenschaften einiger Gestalten ans Licht zu bringen. Gehüllt in einen Trenchcoat und mit gespitztem Bleistift in der Hand, streift er um die Häuser – um dabei zu sein, wenn diese Gestalten ihre Geschäfte abwickeln. Und um dann darüber zu schreiben. Die Hauptfigur in Band 63 aus der Reihe „Walt Disney’s Lustige Taschenbücher“ erledigt ihre Aufgabe offenbar hervorragend. Gleich nach Erscheinen seines ersten Artikels wird Micky Maus vom Chefredakteur des Entenhausener Boten mit folgenden Worten empfangen: „Gute Arbeit, Herr Maus! Ich biete Ihnen den Posten des Chefreporters an! Einverstanden?“

Reportagen zu schreiben, das ist die simple Botschaft dieser Szene, ist offenbar nicht schwer – weder im Comicstrip noch in der Wirklichkeit. Denn nicht nur dem Leiter des Entenhausener Boten, auch Redakteuren kommt das Wort Reportage leicht über die Lippen; dann etwa, wenn sie einen Praktikanten mit dem Auftrag, eine „Reportage“ zu schreiben, zum Stadtfest schicken. Ob tags darauf dann auch eine Reportage in der Zeitung erscheint? Den kundigen Leser beschleichen mitunter Zweifel.

Denn die Frage ist: Woher will er – der Schreiber ebenso wie der Leser – überhaupt wissen, ob eine Reportage niedergeschrieben wurde? So viel über die Reportage gesprochen wird, so wenig Definitives weiß man darüber. Es gibt bis dato keine einheitliche Definition, keine gemeinhin anerkannte Theorie, keine geschlossene Geschichte der Reportage. Das ist einerseits sicher der Subjektivität des Genres geschuldet. Andererseits aber weiß man so wenig über das Wesen der Reportage, weil ihr die Wissenschaft über die Jahre kaum Aufmerksamkeit hat zukommen lassen; und das ist symptomatisch. Denn von der Nachrichtenforschung einmal abgesehen, gibt es keine bemerkenswerte Forschungstradition über journalistische Darstellungsformen. Dabei liegt der Sinn von Genreforschung für die Journalistik auf der Hand: Die berufsbezogene Perspektive hat diese Fachdisziplin begründet. Und mit Genres ist ein Journalist im Berufsalltag ständig konfrontiert.

All dies waren Anlässe für eine Diplomarbeit am Institut für Journalistik. Sie unternahm den Versuch, aus der Geschichte des Genres und durch hermeneutische Textinterpretation aktueller, ausgezeichneter Reportagen konstitutive Merkmale des Genres zu generieren. Die Ergebnisse wurden in folgenden fünf Thesen zusammengefasst:

These 1: Reportagen erweitern die Berichterstattung.

Reportagen können die nachrichtliche Berichterstattung nicht ersetzen. Denn sie beschreiben weniger, was passiert ist, als vielmehr, warum und wodurch etwas geschehen ist. Reportagen stellen daher Zusammenhänge her und weisen so, ohne es explizit zu machen, über den Einzelfall hinaus. Indem ein Autor ein Thema an ausgewählten Protagonisten deutlich werden lässt, eröffnet er seinem Publikum zugleich eine neue, oft auch emotionale Perspektive darauf.

These 2: Reportagen sind subjektive, aber zwingend faktentreue Texte.

Reportagen leben von der eigenwilligen Sicht des Reporters auf sein Thema. Sein Entdeckergeist, die von ihm ausgewählten Protagonisten, Szenen und Details machen Subjektivität und Reiz der Stilform aus. Bloß: Reporter sind weit mehr als bezahlte Zeitzeugen. Daher sollten sie ihre Texte durch den Bezug auf offizielle Quellen oder andere Augenzeugen objektivieren. Das macht die Recherche transparent und die Reportage nachvollziehbar und glaubhaft.

These 3: Reportagen sind klassische Geschichten, deren Kern eine prozesshafte Handlung ist. Handlungsmotor ist ein Konflikt.

Reporter erzählen und lassen dadurch das vordergründige Was hinter dem Wie zurücktreten. Unabdingbar für die Erzählform der Reportage sind Protagonisten, die einen Prozess der Wandlung durchlaufen. Ein Konflikt treibt Wandlung und Handlung voran. Wie literarische zeichnen sich auch journalistische Geschichten durch ihre Formenvielfalt aus: Sie kommen mal als Lebensgeschichte, mal als Spurensuche, Collage oder gar protokollarisch daher. Wichtig ist allein, dass die Form nicht l’art pour l’art angewandt wird, sondern den Inhalt adäquat unterstützt.

These 4: Reportagen sind textoffen.

Durch ihre Protagonisten, Szenen, Eindrücke legen Reporter ihrem Publikum eine Lesart des Textes und eine Deutung nahe, zwingen diese aber nicht auf. Eindeutigkeit nämlich widerspräche der Ambivalenz von Wirklichkeit, die die Reportage möglichst authentisch widerzugeben versuchen.

These 5: Reportagen sind durch eine individuelle, assoziative und literarisierende Sprache geprägt.

In der Sprache vor allem kommt die Subjektivität des Autors und der Darstellungsform zum Ausdruck. Reporter können sich dabei literarischer Ausdruckstechniken bedienen, gar selbst wortschöpferisch tätig sein. Aber natürlich gilt auch bei Reportagen: Die Sprache sollte angemessen und verständlich sein.

Was gilt es am Ende festzuhalten? Reportagen handeln von Menschen. Durch Personalisierung lassen sich Ereignisse oder Themen reduzieren. Reportagen vermögen es dadurch, auch abstrakte Themen wie Medizinerstreit, Mord oder Migration zu veranschaulichen und begreifbar zu machen.

Was aber vielleicht noch wichtiger ist zu betonen: In Reportagen handeln Menschen. Dadurch können Reporter deutlich machen, wie sehr Themen oder Ereignisse Menschen bewegen, gar verändern. Größere Zusammenhänge werden auf diese Weise in eine konkrete (Lebens-)Geschichte eingeordnet – werden so logisch, aber nicht zwingend chronologisch dargelegt. Werden „erzählt“.

Und genau das ist das prägende Element des Genres: Reportagen bringen in der Regel keine neuen Themen auf den Plan. Aber durch das erzählerische Moment eröffnen sie Lesern eine neue Perspektive auf ein Thema. Denn Erzählen bedeutet Ordnen, den Ereignissen Struktur geben. Darin vor allem offenbart sich die Funktion und das Potenzial der Reportage. Den Printmedien geht langsam aber fortschreitend das Primat der Nachricht an die elektronischen Medien verloren. Zeitungen und Zeitschriften sollten sich daher noch stärker auf originelle hintergründige Berichterstattung konzentrieren, darauf, Themen im Zusammenhang darzulegen - etwa in Reportagen.

 

 

Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen

Von Annika Sehl

Die Themen Qualität und Qualitätsmanagement im Videojournalismus werden in der journalistischen Praxis aktuell diskutiert und in den nächsten Jahren vermutlich noch deutlich an Brisanz gewinnen. Der Artikel gibt einen Überblick über die Strategien des redaktionellen Qualitätsmanagements, mit denen die ARD-Anstalten der neuen Produktionsweise begegnen. Er ist die Zusammenfassung meiner Diplomarbeit, die im Mai 2007 mit dem Will-Schaber-Preis des EX-Vereins ausgezeichnet wurde.

„Hallo, Ihr [sic!] Dinos! Wollt Ihr untergehen oder die neue Welt mitgestalten?“ So begrüßt der New Yorker Michael Rosenblum seine Kursteilnehmer am ersten Tag. In seinem Training für Videojournalisten (VJs) sitzen nicht nur Fernsehjournalisten, sondern oft auch Kameraleute und Cutter. Letzteren verkündet er: „Euren Beruf wird es bald nicht mehr geben. Sputet Euch!“

Ob in den nächsten Jahren tatsächlich bestimmte Berufsbilder der TV-Branche aussterben, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass ein neues Berufsbild auf dem Vormarsch ist: der Videojournalist. Ausgestattet mit kleiner DV-Kamera und Laptop, ist er Redakteur, Kameramann und Cutter in einer Person. Die herkömmliche Arbeitsteilung zwischen Fernsehjournalist, EB-Team und Cutter fällt weg.

Die Anfänge des Videojournalismus reichen zurück in die 60er Jahre der US-Fernsehberichterstattung. Aber erst 20 Jahre später schaffte es Videojournalismus auf die Agenda deutschsprachiger Fernsehmacher – zunächst bei privaten Ballungsraumsendern.

Videojournalismus als Trend im Berufsfeld TV

Spät erreichte das Phänomen dann auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Im September 2003 startete der Hessische Rundfunk (hr) einen knapp einjährigen Pilotversuch mit 30 Videojournalisten, die für die aktuelle Berichterstattung, z. B. in „hessen aktuell“, aber auch für Magazinbeiträge in Sendungen wie „Service: Reisen“ eingesetzt wurden. Inzwischen sind Videojournalisten beim hr fester Bestandteil verschiedener Redaktionen. Auch andere ARD-Anstalten stehen dem Videojournalismus offen gegenüber. Alle – mit der Ausnahme des Westdeutschen Rundfunks (WDR) – haben kürzlich Pilotprojekte durchgeführt oder Videojournalismus bereits in den Regelbetrieb integriert.

Dabei ist Videojournalismus nicht unumstritten und polarisiert schnell: Kritiker befürchteten, dass der Videojournalismus als Kostensparmodell den Arbeitsdruck erhöhen und die Qualität verringern wird. Befürworter sehen in ihm dagegen die Arbeitsweise der Zukunft, welche zu einer neuen Bildsprache führen wird und dazu beiträgt, die aufwändige Logistik zu vereinfachen und hohe Produktionskosten zu senken.

Die vorliegende Untersuchung verfolgt daher die Frage, wie die ARD-Anstalten der neuen Produktionsweise mit Strategien des redaktionellen Qualitätsmanagements begegnen.

Unter redaktionellem Qualitätsmanagement wird hier die innerredaktionelle Qualitätsarbeit verstanden, wie sie die Redaktionsleitung in Zusammenarbeit mit der Redaktion betreiben sollte. Abgegrenzt wird das redaktionelle Qualitätsmanagement von der Qualitätssicherung, die auch außerredaktionelle Initiativen einbezieht, insbesondere die Infrastruktur des Journalismus.

Reines Kostensparmodell oder Arbeitsweise der Zukunft?

Den theoretischen Ausgangspunkt der Studie bilden die Prinzipien Ganzheitlichkeit, Kunden-, Mitarbeiter- und Prozessorientierung des Total Quality Managements (TQM), die in Anlehnung an Vinzenz Wyss auf Redaktionen übertragen werden. Das Datenmaterial wurde in zwei Teilstudien zusammengetragen. In Teilstudie A wurde jeweils der VJ-Beauftragte bzw. Projektleiter der zehn ARD-Anstalten in einem mündlichen Leitfadeninterview befragt. Die Interviews wurden zwischen Oktober 2005 und März 2006 durchgeführt. Grundlage der Teilstudie B bilden jeweils zwei fünftägige teilnehmende Beobachtungen in den Redaktionen „hessen aktuell“ des hr und „Lokalzeit Düsseldorf“ des WDR im Februar 2006. Die Befunde aus den Leitfadeninterviews bildeten bei der Auswertung die Ausgangsbasis. Die Beobachtungsprotokolle dienten der Vertiefung und externen Validierung der Daten. Einige zentrale Ergebnisse werden nachfolgend zusammengefasst:

„Das Fernsehen, so wie wir es kennen, ist in spätestens 5 Jahren tot!“ Dieser gewagten These, mit der der New Yorker Videojournalistentrainer Michael Rosenblum gerne seine Vorträge einleitet, kann nach der vorliegenden Untersuchung der ARD-Anstalten nicht zugestimmt werden. Zwar ist es richtig, dass der Videojournalismus qualitätssichernde Prozesse beeinflusst. Dabei handelt es sich allerdings weniger um eine Revolution als um eine Reform. Videojournalisten und Videoreporter – solche, die kurze Nachrichten im Film (NiF) zwar eigenständig drehen, aber im Gegensatz zu Videojournalisten nicht selbst schneiden – lösen die klassische Berichterstattung nicht ab, sie ergänzen sie nur. Sie werden soweit in das bestehende System der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung integriert, wie sie bessere Ergebnisse erwarten lassen. Ein Absinken der technischen oder journalistischen Qualität wird nicht toleriert.

Reform statt Revolution

Das zeigt sich besonders deutlich an den Einsatzfeldern. Videoreporter werden naturgemäß für die schnelle und flexible NiF-Berichterstattung genutzt. Sie können oftmals schneller reagieren als EB-Teams, eine Disposition ist nicht nötig. Dagegen arbeiten Videojournalisten nur bei wenigen ARD-Anstalten tagesaktuell, da sie für den Schnitt länger brauchen. Falls sie doch in der Tagesaktualität eingesetzt werden, haben sie immer die Möglichkeit, auf einen Cutter zurückzugreifen. So soll das Risiko gemindert werden, dass unter Zeitdruck die Qualität sinkt.

Videojournalisten bereichern das Programm mit Reportagen aus dem Ausland und erweitern die regionale Berichterstattung. Beides sind Einsatzfelder, die auch mit EB-Teams besetzt werden könnten, aus Kostengründen jedoch häufig auf ein Minimum begrenzt waren. Beim Videojournalismus ist der finanzielle Aufwand deutlich niedriger. Zudem werden Videojournalisten für Geschichten eingesetzt, die nah am Akteur erzählt werden sollen. Hier machen sich die Vorteile der kleinen Kamera und des geringeren Personalaufwandes am meisten bemerkbar. Die Programmmacher versprechen sich davon eine Reduktion des Zwangs zur Inszenierung. Bewusst nicht eingesetzt werden Videojournalisten dagegen für technisch und/oder inhaltlich komplexe Drehsituationen, die das Ein-Mann-Team überfordern könnten und Qualitätseinbußen befürchten lassen. Allenfalls als zusätzliche Kamera dürfen sie Aspekte am Rand drehen, um so eine weitere Perspektive zur Berichterstattung beizusteuern. Die Hauptlast und Verantwortung liegt dann beim EB-Team. Bei alldem muss aber betont werden, dass sich die ARD-Anstalten zum Erhebungszeitpunkt überwiegend noch in der Erprobungsphase befanden, in der Chancen und Grenzen des Videojournalismus ausgelotet wurden.

Qualitäts- vor Kostenmanagement

Die empirischen Daten zeigen darüber hinaus, dass bei der Einführung des Videojournalismus in den ARD-Anstalten tatsächlich überwiegend die journalistische Qualität und nicht die Reduktion der Kosten Priorität besitzt. Zwar sehen die Rundfunkanstalten Videojournalismus unstrittig als kostengünstige Produktionsweise. Insbesondere bei längeren Beiträgen und solchen, die mit hohen Reisekosten verbunden sind, zeigen sich die finanziellen Vorteile. Dennoch ist Videojournalismus in vielen Fällen nicht mit direkten Kosteneinsparungen gleichzusetzen, denn die von Videoreportern und Videojournalisten produzierten Beiträge sind meist zusätzlich zur regulären Berichterstattung im Programm. Nur in wenigen Fällen substituieren Videojournalisten EB-Teams. Bei keiner ARD-Anstalt werden allerdings hauseigene Teams eingespart, sondern es werden weniger Aufträge an Fremdfirmen vergeben.

Grundsätzlich besteht in den ARD-Anstalten Konsens darüber, dass Videoreporter und Videojournalisten ohne gründliche Aus- und permanente Fortbildung nicht seriös mit klassischen Teams konkurrieren können. Bei der Ausbildung der Programmmitarbeiter erreicht allerdings bislang nur die Hälfte der ARD-Anstalten die von Rosenblum empfohlene Ausbildungsdauer von drei Wochen. Die andere Hälfte liegt mit fünf bis neun Tagen deutlich darunter. Hier besteht also noch Nachholbedarf. Allerdings müssen die Teilnehmer, für die die jeweiligen Anstalten nur so kurze Schulungen vorsehen, auch nicht den Schnitt erlernen, sondern nur die Handhabung der Kamera. Neben den reinen Seminaren und Trainings haben einige ARD-Anstalten auch einen Jour fixe eingeführt, an dem aktuelle Schwierigkeiten besprochen und Beiträge kritisiert werden. Darüber hinaus zeigt die Untersuchung, dass Videojournalisten verstärkt über Volontariate in die Funkhäuser kommen. Denn viele ARD-Anstalten haben Videojournalismus bereits in die Ausbildung des Nachwuchses integriert. Für die Zukunft scheint die Annahme berechtigt, dass die Ausbildung von Videojournalisten von externen Akteuren übernommen wird. Da der Markt für Videoreporter und Videojournalisten wächst, entstehen auch organisationsextern zahlreiche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Das gibt den ARD-Anstalten die Möglichkeit, bereits fertig ausgebildetes Personal zu rekrutieren.

Videojournalismus im Internet

Es ist nicht erstaunlich, dass die ARD-Anstalten Videojournalismus nicht aus reinen Kostenerwägungen einsetzen, sondern ihr Kostenmanagement vielmehr in eine Qualitätsstrategie eingebettet haben. Dies kann damit erklärt werden, dass sie als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten weniger dem Druck der Ökonomisierung unterliegen als die privaten Anbieter, wenn sie auch zu einem sparsamen Umgang mit den Gebühren angehalten sind. Zudem kann vermutet werden, dass sie sich ihrer Vorbildrolle bewusst sind und diese nicht leichtfertig aufs Spiel setzen wollen. Beides begründet auch, warum sich die ARD-Anstalten erst so spät dem Trend geöffnet haben. Das brachte für sie den Vorteil mit sich, dass sie auf Erfahrungen anderer Sender im In- und Ausland, beispielsweise der BBC, zurückgreifen konnten.

Für die nächsten Jahre spricht vieles dafür, dass es bei den ARD-Anstalten nicht zu einer Substitution der EB-Produktion durch Videojournalismus kommt, sondern beide Produktionsformen gemäß ihrer Vor- und Nachteile disponiert werden. Wie das in der ferneren Zukunft aussieht, ist eine offene Frage. Sicher scheint dagegen, dass auch für crossmediale Projekte der Anstalten – also der Verbindung aus Fernsehen und Online – Videojournalismus unverzichtbar ist. Der jährliche VJ-Roundtable der ARD/ZDF medienakademie befasste sich 2007 bereits mit dem Thema „Videojournalismus im Internet“.

Dieser Artikel ist eine Übernahme aus Journalistik Journal 1/2008, S. 16-17.

Die gesamte Untersuchung wurde dank des Druckkostenzuschusses von EX e. V. als Monographie veröffentlicht: 

Sehl, A. (2008). Qualitätsmanagement im Videojournalismus. Eine qualitative Studie der ARD-Anstalten. Wiesbaden: VS-Verlag.

Weiterführende Literatur:

Foraci, F. (2004). Selbst ist das Team. Der New Yorker Michael Rosenblum krempelt mit seinem Training für Videojournalisten Fernsehsender in aller Welt um. CUT(6), 16-21.

Zalbertus, A. & Rosenblum, M. (Hrsg.). (2003). Videojournalismus. Die digitale Revolution. Berlin: uni-edition.

Blumen statt Putin

Mein Praktikum im ZDF Studio Moskau

Rechts vor mir in der Ecke die russische Nationalflagge, links an der Wand ein Putin-Porträt und genau vor mir ein rund 60 Jahre alter Mann im grauen Anzug, der mich erwartungsvoll und skeptisch anschaut. Er ist der Leiter der Bürgersprechstunde im Namen von Dmitrij Medwedew und hat sich – drei Tage vor den Präsidentschaftswahlen – ein paar Minuten Zeit genommen, um „irgendeinem deutschen Sender“, so hatte er es seinem Mitarbeiter im Vorbeigehen gesagt, ein kleines Interview zu geben.

Draußen vor der Tür warten derweil ungeduldig dreinschauende Menschen. Sie wollen bei der Bürgersprechstunde ihre Sorgen loswerden: Umgerechnet 90 Euro Rente pro Monat, nur ein Zimmer für fünf Leute, eine OP wird seit Monaten immer grundlos wieder verschoben, obwohl sie doch dringend ist…Die Geschichten, die die Menschen hier zu erzählen haben, lassen deutsche Sozialämter um einiges harmloser erscheinen.

Neben mir dreht der Kameramann an seinem Gerät rum, sucht den perfekten Bildhintergrund für den O-Ton – schon seit Ewigkeiten wie es mir scheint. „Einfach noch ein bisschen Smalltalk machen“, murmelt er mir zu und macht weiter, in stoischer Ruhe. Aber was für Smalltalk macht man, zumal auf Russisch, mit einem etwas grimmig dreinblickenden Partobersten, der genau weiß, dass ich als deutsche Journalistin mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit negativ über ihn und seine Partei „Einiges Russland“ berichten werde und die Bürgersprechstunde als plumpe Wahlkampf-Veranstaltung abtun werde?

Wenigstens ahnt er wohl nicht, dass ausgerechnet eine Praktikantin ihm gleich die seiner Meinung nach unhöflichen Fragen stellen wird. Denn wer in Russland mit 24 Jahren noch ein Praktikum macht, mit dem stimmt eindeutig etwas nicht: In dem Alter ist man in diesem Land entweder seit 2 Jahren Moderator oder zumindest seit vier Jahren fest angestellt.

Aber im deutschen Journalismus ist das ja bekanntlich meist etwas anders, und so bin auch ich wieder einmal Praktikantin geworden, dieses Mal beim ZDF-Studio Moskau, kurz vor den Präsidentschaftswahlen im März 2008. Es ist mein Pflichtpraktikum im Hauptstudium und da ich das vorherige Semester in St. Petersburg studiert habe und noch gerne weiter in diesem Land bleiben wollte, habe ich mich für Moskau entschieden – auch wenn das ZDF nur rund 40 Cent Essenszuschuss pro Tag zahlt und auch nur dann, wenn man nachweislich mehr als sechs Stunden gearbeitet hat.

Das schien es mir aber wert; schließlich würde ich die spannenden Präsidentschaftswahlen miterleben, dachte ich mir damals, als ich im September 2007 die Bewerbung losschickte. Aber dann krönte Putin ja seinen eigenen Thronfolger und es war klar: Die Wahl würde reine Formsache sein. Und am großen Wahltag habe ich Putin und Medwedew, sowie die Schalten von Britta Hilpert vom Roten Platz ebenso im Fernsehen gesehen, wie ich es von meinem Sofa aus in Dortmund hätte können.

Aber als Praktikantin kann man sich ja sowieso eher jenseits der großen, relevanten Themen bewähren: Und so machte ich kleine bunte Beiträge, zum Beispiel über den  Blumenwahn der russischen Männer, die sich zum Weltfrauentag in Schulden stürzen oder über einen Workshop, der den Kulturschock dämpfen soll, den Westeuropäer erleben, wenn sie nach Russland kommen, um hier zu leben und zu arbeiten.

Auch ich hatte einen kleinen Kulturschock, jedenfalls was die Arbeit von TV-Journalisten in Russaland betrifft Schnell merkte ich: Die internen Sendestatistiken der TV-Anstalten sind einfach ungerecht. Einen Fernsehbeitrag in Moskau zu machen, ist einfach viel, viel schwieriger als zum Beispiel in Brüssel oder Berlin. Für alles muss man eine Genehmigung einholen – sogar um auf einen Parkplatz zu fahren. Zu einem Dreh sind wir 30 Minuten zu spät gekommen, weil der Mann in Uniform sich weigerte die Schranke aufzumachen. Nicht einmal ein Telefongespräch mit dem Interviewpartner, der bei der Firma, zu dem der Parkplatz gehörte, arbeitete, konnte ihn erweichen. Das hätte man zuvor schriftlich beantragen müssen, rief er uns hinterher, als wir schließlich Stativ und Kameratasche zu Fuß an ihm vorbeischleppten. Zum Glück hatten andere Drehteilnehmer das gleiche Problem. So waren die Deutschen letztendlich doch  wieder einmal zu früh gekommen.

In jenen Momenten habe ich mir vorgenommen, nie wieder über deutsche Bürokratie zu schimpfen und freute mich wieder auf das Journalisten-Dasein in Deutschland, wo alles so viel leichter und freundlicher ist, meistens jedenfalls. Trotzdem schreibe ich auch diese Zeilen gerade aus Russland, wo ich nun meine Diplomarbeit recherchiere.

Vorgestern habe ich dann auch meinen Praktikantenlohn überwiesen bekommen: Dreimal 6,41 Euro. Dank Ex-Verein konnte ich es mir leisten, darüber zu lächeln.

Mareike Aden

 

Korrespondenten in London

Für das Buchprojekt „Deutsche Auslandskorrespondenten" des Erich-Brost-Instituts reiste ich im Juli 2007 nach London, um 17 deutsche Auslandskorrespondenten zu interviewen. Zwei Wochen hastete ich von Interview zu Interview und konnte den Stress nachempfinden, den Journalisten in einer überfüllten Weltstadt erleben. In Erinnerung bleibt die außergewöhnliche Vielfalt Londons: eine Mischung aus Politik und Prominenten, aus Kapital und Königshaus.

Stadt der Gegensätze

Egal wie jeder einzelne über London denkt, eines steht fest: Spannend ist diese Stadt der Gegensätze allemal. Dass nur noch ein Prozent der Briten das traditionelle Frühstück mit Bohnen und Speck essen, dass in London nicht mehr Regen fällt als in Berlin (nur regelmäßiger) oder dass für die Briten eine Strom- oder Wasserrechnung den Personalausweis ersetzt - es gibt viele Unterschiede und Tatsachen, die das Publikum in Deutschland interessieren können.

Korrespondenten-Suche

Zuerst musste ich möglichst viele Korrespondenten kontaktieren. Erfahrungen aus bisherigen Forschungen zufolge funktioniert das so genannte Schneeballsystem: Ein Korrespondent vermittelt den nächsten Kontakt und so weiter. Also suchte ich den ersten Schneeball. Doch nach den ersten mühsamen Kontaktversuchen stieß ich auf eine Liste der deutschen Botschaft, die das Unterfangen wesentlich erleichterte: 150 akkreditierte, deutsche Journalisten in London. Darunter waren auch Techniker oder deutsche Journalisten, die etwa als Kameraleute bei britischen Sendern arbeiten. Darum kann diese Zahl nicht mit der Anzahl der deutschen Korrespondenten gleichgesetzt werden. Die genaue Zahl der deutschen Korrespondenten in London lässt sich nicht bestimmten, zumal es darauf ankommt, wie man „Korrespondent" definiert. Die hier befragten Korrespondenten gelten als solche, wenn sie deutsche Muttersprachler sind und regelmäßig für ein deutsches Medium aus London berichten.

Die befragten Journalisten

Die Interview-Anfragen stellte ich größtenteils per E-Mail, da dies der schnellste und auch günstigste Weg ist. Ich ging dabei davon aus, dass Korrespondenten heutzutage ohnehin im regen E-Mailkontakt zur Heimatredaktion stehen, weshalb Sie auf E-Mails schnell antworten sollten. Auffällig dabei war, dass die Korrespondenten zum überwiegenden Teil für deutsche überregionale Zeitungen und Magazine arbeiten. Darauf folgt der öffentlich-rechtliche Rundfunk, für Regionalzeitungen und private Fernsehsender sind kaum Korrespondenten im Einsatz. Die Verteilung der 17 befragten Korrespondentinnen und Korrespondenten auf die einzelnen Mediengattungen sieht wie folgt aus:

  • Überregionale Zeitung: 6 interviewte Korrespondenten
  • Regionalzeitung: 1 interviewter Korrespondent
  • Magazin: 5 interviewte Korrespondenten
  • Öffentlich-rechtliches Fernsehen:3 interviewte Korrespondenten
  • Öffentlich-rechtliches Radio: 2 interviewte Korrespondenten

Um mehrere Interviews örtlich sinnvoll zu verbinden, benutzte ich „Google Maps", eine interaktive Weltkarte im Internet. Dort ließen sich auf dem Londoner Stadtplan Ortsmarken für jeden Korrespondenten erstellen, was zeigte, welche Korrespondenten relativ nah beieinander wohnten und/oder arbeiteten. Wichtig dabei war, die Adressdaten nur für sich stehen zu lassen und sie nicht mit weiteren persönlichen Daten zu verknüpfen, da „Google Maps" die individuell angelegten Karten und Adresspunkte öffentlich macht.

Arbeitsbedingungen

Eines lässt sich zu den Arbeitsbedingungen der Journalisten vor Ort gleich aus eigener Erfahrung während des Forschungsaufenthalts sagen. London ist wirklich anstrengend: äußerst interessant, aber auch nervenaufreibend. Auch wenn man sich noch so viel Zeit nimmt und von einer U-Bahn-Haltestelle zur nächsten gemächlich spaziert: Allein der Anblick und die Atmosphäre in den Menschenmassen, die zahllosen visuellen Eindrücke und der ständige Geräuschpegel von Schienenrattern (unterirdisch) oder Autos, Bussen und Polizeisirenen (überirdisch) machen sich bemerkbar. Allerdings ist es offensichtlich möglich, sich zum Teil daran zu gewöhnen. „Ich hör’ den Krach schon gar nicht mehr", sagt zum Beispiel Markus Hesselmann, Korrespondent für den Tagesspiegel. Er hat übrigens selbst dafür gesorgt, dass sein Posten überhaupt eingerichtet wurde. Der Tagesspiegel hatte vorher keinen London-Korrespondenten. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Bedeutung der Stadt für die Medien wächst.

Mehrere große Medien leisten sich eigene Büros, das größte gehört Burda Media. Dort arbeiten fast ein Dutzend Deutsche für den heimischen Medienmarkt. Die Hälfte der befragten Journalisten arbeitet dagegen ganz von zu Hause aus. Die Fernsehsender agieren noch recht klassisch, also mit einer festen Aufteilung von Autoren, Kameraleuten und Cuttern. Nur beim Radio gab es einen Korrespondenten, der von zu Hause seine Beiträge in seinem kleinen eigenen Studio einspricht. Allgemein legen die Londoner Korrespondenten häufig Extraschichten ein: Nach eigenen Angaben überprüft ein Korrespondent auch nach einer 15-Stunden-Schicht immer noch vor dem Schlafengehen die neuesten Nachrichtenticker.

Wie werde ich Auslandskorrespondent?

Jeder befragte Auslandskorrespondent hat studiert. Es stellte sich daher nur die Frage, was sie studiert haben. Häufig vertreten sind Germanistik und Geschichte, einige Korrespondenten haben auch Kommunikationswissenschaften oder Journalistik studiert. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie mindestens einen, wenn nicht mehrere Auslandsaufenthalte absolviert haben – entweder im Rahmen eines Studiums oder als Praktikum/feste Mitarbeit. Einige Korrespondenten begannen ihre Karriere im Auslandsressort des heimischen Senders oder der heimische Zeitung. Aber das ist nicht unbedingt der klassische Weg: Gerade im Fall London gibt es viele Journalisten, die primär den Wunsch hatten, in die britische Hauptstadt zu ziehen, und sich danach beruflich anpassten.

Bessere Einschätzung

Unklar war, in welcher Rolle sich die Korrespondenten vor Ort sehen: Das Selbstverständnis reicht von simpler Pflichterfüllung, über einen „kleinen aufklärerischen Impetus" bis hin zur selbst auferlegten Aufgabe, einen Gegenpol zur starken Boulevardisierung der Medien zu bilden. Doch alle Korrespondenten wollen möglichst differenziert ihre Einschätzungen der Lage vor Ort vermitteln. Sie sind sich dabei sicher, dass ein Korrespondent die Lage vor Ort zuverlässiger einschätzen kann als Berichterstatter von außerhalb. „Was da teilweise von verschiedenen Online-Medien kommt…", sagt eine Korrespondentin mit Enttäuschung. Die Korrespondenten sind oft von externen Berichten über Ereignisse in London erschrocken; sie stellen grobe Fehlinformationen fest. Somit besteht für die Befragten kein Zweifel daran, dass der Beruf des Korrespondenten wichtig für eine seriöse Auslandsberichterstattung ist.

Diktat der Aktualität

Dennoch geben alle Korrespondenten an, dass sie viele Themen aus den britischen Medien übernehmen. Das heißt aber nicht, dass sie Berichte eins zu eins kopieren. Vielmehr versehen sie die Beiträge mit einem eigenen Anstrich. Grob geschätzt werden 60 Prozent der Themen dem aktuellen Tagesgeschehen entnommen. Den Rest der Themen schöpfen die Korrespondenten aus anderen Quellen wie persönlichen Kontakten, Pressemeldungen oder Alltagserlebnissen. Vergleicht man die Themen-Initiative von Korrespondent und seiner Heimatredaktion, ist der Korrespondent aber eindeutig „selbstständig". Das heißt: Die Heimatredaktion schreibt nur selten Themen vor; sie vertraut dem Korrespondenten, dass er die wichtigsten Themen liefert. Ausnahme: Bei (monothematischen) Magazinen dominiert häufig die Vorgabe der Heimatredaktion. Allerdings haben mehrere Befragte schon festgestellt, dass die Heimatmedien allzu häufig den Agenturen blind vertrauen: Was die Agentur als Thema setzt, ist wichtig und wird auch nachgefragt. Darum gibt es das mehr oder minder geheime Vorgehen, dem Agentur-Kollegen sein Thema mitzuteilen, damit er es über die Agentur laufen lässt. Und genau zu diesem Thema fragen dann die Heimatmedien einen Hintergrundbericht an.

Pop, Promis und Prinzen

Unisono sagen die Korrespondenten, dass sie der kulturelle Mix, die Vielseitigkeit der Stadt reize: London, interessanteste Stadt der Welt, vor allen Dingen kulturell. Das erklärt auch die hohe Zahl der Kultur- und Magazinkorrespondenten, die spezielle Leserinteressen bedienen. Die Special-Interest-Magazine sind in London ein bedeutender Faktor, weil gerade Magazine rund um Pop, Promis und Prinzen genügend Themen finden. Die Mode spielt ebenfalls eine große Rolle: Es gibt eigene Mode-Korrespondenten, die tagtäglich nur über die neuesten Taschen aus London schreiben. Zu guter Letzt erwähnen alle Korrespondenten die Bedeutung des Finanzplatzes London – wobei nur die Finanzkorrespondenten tatsächlich ausführlich darüber schreiben. Nur in Medien wie der FAZ oder im Handelsblatt bleibt Platz für eine ausführliche Finanzberichterstattung aus London, die anderen Medien halten sich in dieser Hinsicht eher zurück.

Wegweisende Zukunft

Was glauben die Korrespondenten, wie es mit London weitergeht? Der Irak-Krieg werde weiterhin eine große Rolle spielen und damit auch die Terror-Thematik. Dem kulturellen Mix werde ebenfalls eine noch größere Bedeutung zukommen. London sei dabei eine Art Modellstadt. Markus Hesselmann, Korrespondent des Tagesspiegels: „Was hier passiert, wird so ähnlich auch in anderen europäischen Städten passieren." Zuwanderung und die Zuspitzung des Konflikts Arm-Reich wird auch auf andere Ballungsräume zukommen. Und vielleicht ist eine echte Chance, in London jetzt schon Entwicklungen zu beobachten, die vielleicht bald auch vor der Haustür eintreffen.

Thomas Majchrzak